gefährliche Bandscheibenvorfälle

Gefährliche Bandscheibenvorfälle

Die meisten Bandscheibenvorfälle sind mit konservativer Therapie gut behandelbar. Es gibt jedoch auch Arten eines Diskusprolapses, bei denen nur ein rascher Eingriff bleibende Schäden verhindert.

Wann ist eine Operation notwendig?

Ein Bandscheibenvorfall ist dann gefährlich, wenn eine Druckschädigung von Nerven droht. „Je länger ein Nerv druckgeschädigt wird, desto geringer ist seine Erholungswahrscheinlichkeit“, erklärt Priv. Doz. Dr. Camillo Sherif, Facharzt für Neurochirurgie im Krankenhaus Rudolfstiftung, Wien.

Im Falle von Lähmungen ist ein operativer Eingriff daher der manuellen Therapie vorzuziehen, da der Druck auf Nerven schnell beseitigt wird und sich Schäden wieder zurückbilden können. 

Konservative Therapie versus Operation

„Patienten, die schon lange Schmerzen aber keine Lähmungserscheinungen haben, sollen unbedingt einen konservativen Therapieversuch unternehmen, d.h. eine physikalische Therapie, Physiotherapie und Schmerztabletten. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten wird dies zu Beschwerdefreiheit führen“, so der Experte.

„Bei längeren Beschwerden und einem klaren Befund in einer Magnetresonanz-Bildgebung sollte bei Ausbleiben einer Besserung operiert werden, um chronische Schmerzen zu verhindern. Denn: Wartet man zu lange, wird der Schmerz im so genannten „Schmerzgedächtnis“ im Gehirn gespeichert und kann von dort nur noch schwer wieder gelöscht werden.“

Symptome, die eine rasche Operation notwendig machen:

-    Frisch auftretende ausgeprägte Lähmungen von Muskeln
-    Sensibilitätsstörungen („Kribbeln“, „Ameisenlaufen“) in Armen und Beinen

Notfallsymptome („red flag signs“) für eine sofortige Operation:

-    Elektrisierende Schmerzen in den Beinen, falls man den Kopf nach vorne oder in den Nacken legt („Lhermitte-Zeichen“)
-    Beeinträchtigung der peripheren Nerven („lange Bahnen“)
-    Gangstörung, v.a. im Dunklen oder mit geschlossenen Augen (im Hellen gleichen die Augen noch die schwindenden Nervensignale aus)
-    Blasen- und Mastdarmstörungen
-    Vorangegangener Unfall
-    Osteoporose + Bagatelltrauma

Notfall mediane Bandscheibenvorfälle

In seltenen Fällen kann die ausgetretene Bandscheibe nicht nur auf die seitlichen Nervenwurzeln, sondern auf das mittig gelegene Rückenmark drücken, in dem alle Nerven, die vom Kopf bis in die Peripherie laufen, gebündelt sind. Dann ist eine sofortige Operation notwendig.

Dies ist sowohl im Hals- als auch im Lendenwirbelsäulenbereich möglich. „Zum Glück sind solche medianen Bandscheibenvorfälle sehr selten“, so Sherif. „Das ist einerseits gut, andererseits birgt dies die Gefahr für Patienten, dass das Problem nicht gleich erkannt wird. Dies vor allem, da die Anfangssymptome sehr mild sind, in seltenen Fällen aber doch gefährlich werden können.“

Operationsmethoden HWS und LWS

Im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) erfolgt der Zugang heutzutage meist von vorne (ventral). Dies ermöglicht eine risikoarme Erreichbarkeit der Nerven und des Rückenmarks sowie maximale Schonung der Nackenmuskulatur - ein großer Vorteil für die Rehabilitation. So ist das Tragen einer Halskrause danach oft nicht mehr notwendig.

Unter einem Operationsmikroskop wird die zerstörte Bandscheibe entfernt. Nach der Entlastung der Nerven wird bei der Anterior Body Fusion (ABF) unter Röntgenkontrolle meist ein sogenannter „Cage“ – ein Platzhalter aus Kunststoff – eingesetzt. Das ist ein kubischer Abstandhalter, der den korrekten Abstand zwischen den benachbarten Wirbelkörpern sicherstellt.

Durch ein zentrales Loch wachsen die beiden benachbarten Wirbel hinein und ermöglichen eine knöcherne Fusion. Je besser die Durchknöcherung ist, desto weniger Schmerzen haben die Patienten postoperativ.

Neurochirurgen entfernen an der betroffenen Stelle meist auch das hintere Längsband, da dieses viele Schmerzsensoren enthält. Die Operation der Lendenwirbelsäule erfolgt aus anatomischen Gründen von hinten.

Risiken einer stabilisierenden Bandscheibenoperation

Grundsätzlich hat eine stabilisierende Bandscheibenoperation wenige Risiken und eine sehr hohe Erfolgsquote - vorausgesetzt, sie wird in einem neurochirurgischen Zentrum oder einem hochspezialisierten orthopädischen Rücken-Zentrum durchgeführt.

Operiert wird mit sehr feinen Instrumenten, die ursprünglich von Uhrmachern entwickelt wurden. 80 bis 90 Prozent der Patienten haben nach der Operation deutlich weniger Beschwerden oder sind sogar beschwerdefrei.

Ein mögliches 'Risiko' dieser Versteifungsoperationen ist aber die größere mechanische Belastung für die benachbarten Wirbel und Bandscheiben. Dieses Phänomen nennt man „Anschlussdegeneration“: Da das Ziel der Operation ist, das betroffene Segment zu versteifen, müssen die Anschlusssegmente die Beweglichkeit übernehmen.

Diese „Anschlussdegeneration“ tritt aber meist erst Jahre bis Jahrzehnte später auf. „Die Zahlen zur Häufigkeit in der Literatur schwanken zwischen ca. 5 bis 15 Prozent. Das bedeutet jedoch in anderen Worten, dass 85 bis 95 Prozent der Patienten keine solchen Probleme bekommen“, so Sherif.

Jeder Patient ist anders

„Wir treffen die Entscheidung über eine Operation gemeinsam mit unseren Patienten“, erläutert Sherif. „Kann jemand beispielsweise beruflich lange ausfallen, und sind Schmerzen das einzige Problem, so sind längerdauernde konservative Therapieversuche leichter möglich, als bei Menschen, die sehr schnell wieder fit sein müssen.“

Ein Anschlussheilverfahren (Rehabilitation) nach der Operation wird auf jeden Fall empfohlen, ebenso wie eine Lebensstil- und Arbeitsplatzänderung und lebenslanges Rückentraining.

Bewegliche Bandscheibenprothesen werden nicht mehr empfohlen

„Die Biomechanik der Wirbelsäule, d.h. die Bewegungen der einzelnen Wirbel zueinander, ist sehr komplex, bei jedem Menschen anders und de facto nicht nachahmbar“, erklärt Sherif. „Bewegliche Bandscheibenprothesen“ werden somit nicht mehr empfohlen und haben auch in Studien keine Vorteile im Vergleich zur Operation mit „Versteifung“ gezeigt. 

Ebenso bewirkt das Fehlen von Langzeitdaten, dass mittlerweile von Bandscheibenprothesen, besonders im Bereich der HWS, klar abgeraten wird.

Die Operation ersetzt kein Training

Eine Operation beseitigt zwar die Schmerzen, nicht jedoch die Abnützung der Wirbelsäule. Somit ist es von immenser Bedeutung, eine weitere Abnutzung zu verhindern. „Dies kann nur mit täglicher Rückengymnastik und einem „Rückenbewusstsein“, z.B. bei Bewegungen des Alltags, wie dem richtigen Heben und Tragen, geschehen“, so der Neurochirurg.

„Hier zeigt sich die große Wichtigkeit der Physiotherapeuten sowie der Ärzte für physikalische Medizin, die diese Aufgaben mit den Patienten erarbeiten.“


Weiterführende Links:

Österreichische Gesellschaft für Neurochirurgie: ÖGNC
Bandscheibenvorfall
Bandscheiben brauchen Bewegung