Gips doch nicht!

Wissen Sie, welcher Satz am wirksamsten gegen Innovationen hilft? Sicher haben Sie ihn auch schon mitbekommen und deswegen die ein oder andere gute Idee in die Schublade zurückgelegt. Der Satz geht so: 

Das haben wir schon immer so gemacht.

So lautet das Mantra überzeugter Fortschrittsverweigerer. Diese faszinierende Denkweise ist in allen Lebensbereichen anzutreffen. E-Book statt Buch? MP3 statt CD? E-Mail statt Postweg? Lassen Sie das! Das haben wir schon immer so gemacht. 

In Wikipedia ist der Satz aus gutem Grund unter den sogenannten „Totschlagargumenten“ in der Kategorie „Beharrungs-Killerphrase“ aufgeführt. 

Man darf sich dabei ruhig auch an die eigene Nase fassen. Wenn wir einen Ablauf einmal gelernt haben, hinterfragen wir ihn in der Regel nicht mehr sonderlich. Ein kleines Beispiel: Jemand hat sich den Arm gebrochen. Was tun? Klar, er geht zum Arzt, lässt den Arm in Gips legen, Freunde dürfen sich darauf mit Unterschriften verewigen und dann hält er tapfer durch, bis der Arm wieder ganz ist. So macht man das eben. 

 

Querdenker wie der Industrie-Design-Student Jake Evill aus Neuseeland geben sich damit nicht zufrieden. Sie hinterfragen den Status quo und stellen mir nichts dir nichts gewohnte Praktiken – wie den Gipsarm – auf den Kopf. Das Ergebnis ist ein futuristisches Exoskelett. Dabei handelt es sich um einen Verband aus leichtem Nylon-Material, der etwa 500 Gramm wiegt und mit einer luftdurchlässigen Wabenstruktur versehen ist.

Die Fraktur wird dafür zunächst geröntgt und der Arm mit dem 3-D-Scanner erfasst. Daraufhin wird ein individueller Ausdruck produziert, der an den betroffenen Stellen zusätzlich verstärkt ist und so den Knochen entlastet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Verband ist leichter als ein klobiger Gipsarm, er juckt nicht und es entsteht kein übler Geruch.

Das Modell ist zudem wasserfest, sodass man ganz regulär damit duschen kann. Wenn es dann zum Arzt geht, um die Fortschritte zu begutachten, kann bei angelegtem Verband die Wundentwicklung untersucht und die Fraktur geröntgt werden. Herkömmliche Gipse oder Cast-Verbände hingegen werden aus Hygienegründen regelmäßig gewechselt. Gerade für Kinder ist das damit verbundene Aufsägen des Gipses eine unangenehme Prozedur. Zugleich kostet es den Arzt und seine Assistenten unnötig Zeit. 

Von den ersten Studien in 2010 bis zu den heutigen Prototypen von Unternehmen wie Xkelet aus Spanien sind inzwischen sechs Jahre vergangen. Laut MIT Technology Review sollen im Herbst 2016 endlich klinische Tests beginnen. Zuletzt erwiesen sich für die Innovationstreiber Faktoren wie die hohen Herstellungskosten und die benötigte Infrastruktur als Hindernisse. 

Dieser Punkt geht also vorerst an die Fraktion der Fortschrittsverweigerer. Doch nur weil der Weg umständlich und mit Rückschlägen verbunden ist, heißt es nicht, dass er sich nicht lohnt. In diesem Sinne schreiben wir dem nächsten Skeptiker „ein Hoch auf die Andersdenkenden“ auf den Gipsarm und verfolgen neugierig die weitere Entwicklung. 

 

Quellen:

Technology Review: You Can Get a 3-D-Printed Cast for a Broken Bone

3DPrint: HEALX Unveils 3D Printed Customized Orthopedic Wrist Braces