Vater- Mutter- Kindmedizin

Vater-Mutter-Kind-Medizin

Frauen reagieren anders auf Medikamente, haben unterschiedliche Krankheitssymptome und gehen mit ihrer Gesundheit anders um als Männer. Genau darum geht es bei der relativ jungen Wissenschaft der Gendermedizin. Auch Kindermedizin rückt zunehmend in den Fokus der Wissenschaft und des öffentlichen Bewusstseins.

Männer sind weniger oft krank?

Ein und dieselbe Erkrankung hat bei Männern und Frauen in vielen Fällen unterschiedliche Verläufe, und auch die Reaktion auf medikamentöse Behandlungen ist nicht gleich.

Laut Statistik sind Männer 76% ihrer Lebenszeit gesund, Frauen nur 72%. Das kann durchaus aber auch eine Folge der eben nicht geschlechtsspezifischen Behandlungsformen sein, denn bei Frauen werden Krankheiten oft falsch diagnostiziert und in Folge dann auch falsch therapiert.

Gleichbehandlung ist in diesem Fall also nicht mit Gleichberechtigung zu verwechseln - ganz im Gegenteil, nur eine genderspezifische Behandlung führt zu gleich fairen Chancen in Bezug auf medizinische Behandlungserfolge.

Männer als Norm?

Nach wie vor gelten in der Medizin Männer weitgehend als "Norm", und geschlechtsspezifische Aspekte werden viel zu wenig berücksichtigt. 2014 setzte ein Kick-off-Event für Gendermedizin in Brüssel ein deutliches Zeichen, dass Frauen und Männer in medizinischer Hinsicht zukünftig nicht gleich zu behandeln sind - geschlechtsspezifische Differenzierung kann schließlich Leiden verkürzen und Leben verlängern!

Visionen bezüglich der Bedeutung von Gendermedizin als durchgängiges Qualitätskriterium für die Forschung und Lehre in Europa wurden präsentiert. Hierzulande haben wir seit rund zehn Jahren die Österreichische Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin die sich diesem Thema widmet.

Was ist Gendermedizin?

Gendermedizin ist eine relativ junge Wissenschaft. Sie versucht, Unterschiede zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen des Lebens aufzuzeigen und deren Einfluss im Gesundheitsbereich zu reflektieren. Das betrifft von der Vorsorge über Diagnose und Therapie bis hin zur Arzneimittelentwicklung alle medizinrelevanten Themenfelder.

In Österreich muss Gendermedizin mittlerweile an allen Universitäten in den Lehrplan aufgenommen werden. In Wien gibt es sogar einen postgradualen Lehrgang „Gender Medicine“.

Gendermedizin oder auch geschlechtsspezifische Medizin versucht Rollenstereotypen zu hinterfragen und untersucht wie und wieso Erkrankungen bei Frauen und Männern unterschiedlich ausbrechen und verlaufen.

Ursprünglich hat sich Gendermedizin aus der Frauengesundheitsbewegung und zu einem kleinen Teil auch aus der spezifischen Männermedizin entwickelt - es wurde immer offensichtlicher, dass eine geschlechtsunspezifische Betrachtung kontraproduktiv und gefährlich ist - und zwar aus medizinischer aber auch aus ökonomischer Sicht.

Im Laufe der Jahre und mit zunehmenden Forschungsergebnissen ist nun nicht nur Frauen, sondern auch  Männern und Kindern ein Vorteil aus geschlechtsspezifischer Medizin erwachsen.

Die richtige Diagnose kann Leben retten

Was sind denn nun die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Hinblick auf medizinische Fragestellungen?

Ein ganz wichtiger Punkt: Frauen artikulieren ihre Beschwerden vollkommen anders als Männer. Sie können sich prinzipiell besser mitteilen und kommunizieren ihre Symptome detaillierter - und reflektierter. Außerdem befolgen sie Ratschläge eher und haben insgesamt ein besseres Gesundheitsbewusstsein.

Ein zweiter Punkt: Frauen weisen unter Umständen ganz andere Symptome bei gleicher Krankheit auf. Depressionen und Herzinfarkte sind diesbezüglich am besten erforscht.

Symptom des Herzinfarkts

Während Männer bei einem Herzinfarkt meist über Schmerzen im Brustraum und im Oberarm klagen, gelten bei Frauen Übelkeit, Erbrechen, Kurzatmigkeit und Schmerzen im Oberbauch als weitere mögliche Symptome eines Herzinfarkts.

Die Medizin versagt hier immer wieder, denn solche "atypischen" Beschwerden werden oft nur als Hysterie oder Panikattacke 'abgestempelt'. Die für Frauen typischen Symptome muss man aber kennen und ernst nehmen; eine richtige Diagnose kann in diesem Fall Leben retten.

Depression, eine Frauenkrankheit?

Bei Frauen werden psychiatrische Symptome häufiger diagnostiziert als bei Männern. Das rührt daher, dass Frauen typischerweise auch ihren psychosozialen Kontext in die Beschreibung der Beschwerden mit einfließen lassen.

Zudem beschreiben Sie ihre Symptome umfänglicher, gehen auch mit psychischen Beschwerden offensiver um und sprechen darüber. So ziehen Ärzte bei Frauen eher einen Rückschluss auf psychische Probleme, als bei Männern, die sehr somatisch orientiert sind, und eher über rein physische Beschwerden klagen - das Umfeld und die seelischen Belastungen stehen hier nicht im Fokus der Wahrnehmung.


Frauen sind zudem durch Beruf und Familie oft doppelt oder dreifach belastet. Zeit, ausreichend auf sich zu schauen, bleibt da kaum übrig; das 'Funktionieren müssen' steht im Vordergrund! Das geht so lange gut, bis es zum großen Zusammenbruch kommt…

Jahrelang wurden Depressionen daher als reine Frauenkrankheit angesehen: eine Depression bei Männern wurde nur sehr selten diagnostiziert. Auch, weil sich die Depression bei Mann und Frau ganz anders zeigen kann. Wutausbrüche, Aggressionen oder Alkoholmissbrauch können z.B. 'männliche' Indizien für eine Depression sein, und die muss ein Mediziner richtig zuordnen können.

Nach der Diagnose braucht's die richtige Therapie

Geschlechtsspezifische Medizin soll sensibilisieren. Genauso wie sich die Symptome verschiedener Krankheiten bei Männern und Frauen unterschiedlich äußern, muss aber auch die jeweils bestmögliche medizinische Behandlung geschlechtsspezifisch abgestimmt werden.

Besonderen geschlechtsspezifischen Charakter haben:

    •    Essstörungen
    •    Substanzmissbrauch (z.B.: Alkohol, Drogen)
    •    Depression
    •    Suchtverhalten
    •    Hormonell bedingte Krankheiten (Diabetes)
    •    Klimakterium (Wechseljahre)
    •    Lebenserwartung
    •    Vereinsamung
    •    Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eigene Kindermedizin?

Man glaubt es kaum, aber auch die Kindermedizin steckt tatsächlich erst in den Kinderschuhen. Die Jüngsten wurden bislang einfach behandelt wie kleine Erwachsene, und erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Kinder kinderspezifische Arzneien brauchen.

Die Erkenntnis, dass eine Heilung rascher erfolgt, wenn psychische Faktoren bei Kindern berücksichtigt werden (Stichwort: Hospitalismus-Syndrom), hat sich interessanterweise früher durchgesetzt als die Erkenntnis, dass Kinder auch kindgerechte Arzneien brauchen.

In der klinischen Forschung wurden Kinder über Jahrzehnte kaum beachtet; es gibt nur wenige eigens für Kinder zugelassene Arzneimittel. Die Ärzte müssen sich meist mit der Notlösung behelfen, Erwachsenenmedizin in reduzierten Dosen zu verwenden.
Doch Kinder sind eben nicht einfach kleine Erwachsene: „Die Mechanismen, die für die Aufnahme der Arzneimittel im Körper, ihre Verteilung und Verstoffwechslung wichtig sind, sind im sich entwickelnden Organismus eines Kindes noch weniger ausgereift“, erklärt Ao Prof. Dr. Christoph Male von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Medizinischen Universität Wien.

Gemessen an der aliquoten Dosis könne der Wirkspiegel bei einem Kind ganz unterschiedlich sein, weil etwa ein Aufnahmemechanismus im Darm anders funktioniere. „Je kleiner ein Kind ist, desto größer sind die Unterschiede“, so Male. "Kortison, beispielsweise, stört das Wachstum. Bei Behandlungen mit Kortison müssen daher die Pros und Contras klar gegeneinander abgewogen werden."

Medikamente müssen angepasst werden

In Europa werden Medikamente meist nur an Männern getestet, obwohl Frauen unter Umständen vollkommen anders darauf reagieren.

Frauen haben einen anderen Körperbau, sie haben mehr Körperfett, weniger Gewicht und einen anderen Stoffwechsel und Hormonhaushalt.Bei Frauen bleiben Medikamente außerdem länger im Magen, werden langsamer über die Leber abtransportiert, und weibliche Nieren filtern weniger Wirkstoffe.

Aus diesem Grund hat bereits 1996 die US-Amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA gefordert, Medikamente an beiden Geschlechtern zu testen. Auch in Europa wird von Medizinern und pharmazeutischen Vertretern dafür gekämpft.

Ob jemals geschlechtsspezifische Medikamente auf den Markt gebracht werden ist jedoch ungewiss. Ein erster wichtiger Schritt wäre die Dosierung an Männer bzw. Frauen anzupassen, sowie auf dem Beipackzettel geschlechtsspezifische Hinweise zu geben.

Kinderarzneimittelverordnung

Im Jahr 2000 hat die EU endlich Anreize geschaffen, auch für die Patientengruppe der Kleinsten eigene Medikamente zu entwickeln: Es gibt spezifische Forschungsfördergelder, Genehmigungsverfahren wurden erleichtert und das Exklusivrecht auf die Herstellung und Vermarktung verlängert.

Noch wichtiger für die Jüngsten ist die 2007 in Kraft getretene Kinderarzneimittelverordnung der EU. Sie unterstützt die Pharmaunternehmen in den Nischenbereich Pädiatrie zu investieren, bzw. kann sie sie bei neuen Medikamenten sogar dazu zwingen: Wollen Unternehmen einen Wirkstoff neu auf den Markt bringen, müssen auch Studiendaten für Kinder vorgelegt werden.

„Die EU-Richtlinie schreibt vor, dass Kinder aller Altersstufen in klinischen Studien eingeschlossen werden müssen“, erklärt Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig).

Doch - wohl nicht zuletzt aus historischen Gründen - mangelt es in der Öffentlichkeit an entsprechender Akzeptanz, und die positiven Aspekte werden übersehen. 2012 wurde schließlich das Kinderforschungsnetzwerk „O.K.ids“, gegründet, um die Zusammenarbeit von Kinderärzten und Pharmaunternehmen bei klinischen Studien zu unterstützen und auch öffentliche Bewusstseinsbildung zu betreiben.


Weiterführende Links:

Okids-net.at
Arbeitskreis Frauengesundheit
Frauen sind anders - Männer auch
Österreichische Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin