Kraut und Rüben

Autorin: Ulrike Springer

Aktualisiert am: 13.05.2013

Lügen haben lange Beine

Autorin: Ulrike Springer

"Du sollst nicht lügen!", das lernen wir schon als Kinder, auch wenn wir in keinem besonders religiös geprägten Umfeld aufwachsen. Ich selbst bilde mir ein, Wahrheitsfanatikerin zu sein. Schließlich hat ein guter Freund von mir einmal gesagt, ich sei der einzige "moralische" Mensch, den er kenne, ohne dass diese Aussage eine Beleidigung darstellen solle. Und dann las ich eines Tages in der "Zeit", dass der Mensch angeblich rund 200 Mal pro Tag lügen soll. Allerdings habe ich diese Zahl im Zusammenhang mit Lügen oft gelesen, aber nirgendwo eine saubere Quellenangabe gefunden. Ist sie etwa selbst erstunken und erlogen? Ein amerikanischer Psychologe namens John Frazer oder Frazier soll in den 1970er-Jahren Versuche mit seinen Studenten gemacht haben und zu diesem Ergebnis gekommen sein. Lügen-Studien gibt es wie Sand am Meer, doch die Ergebnisse reichen von 2 bis 200 Lügen pro Tag. Das schreit förmlich nach einem Selbsttest! Und los geht’s:

Schon frühmorgens erwische ich mich beim Flunkern, auch wenn die Adressaten Vierbeiner sind: "Ihr seid die schlimmsten Katzen, die ich je hatte!", sag ich zu ihnen, weil sie Blumentopferde im Bad verteilt, die Zimmerpflanze ramponiert, meine Strickwolle in der ganzen Wohnung um Sesselbeine gespannt und einen Teller zerschlagen haben. Eine astreine Lüge, denn die Fellnasen, die ich vor ihnen hatte, waren um keinen Deut besser, als sie jung waren. Erst im fortgeschrittenen Alter kam die Einsicht und Pflegeleichtigkeit, aber nicht lange, denn dann wurden sie unflexibel und stur. "Wir waren's ja gar nicht!", flunkert die mittelgroße Katze mit Unschuldsmine und schräg gelegtem Köpfchen. Und die kleine versucht die Essensausgabe mit dem zuletzt beim Klicker-Training gelernten Kommando "Pfoten hoch!" zu beschleunigen. Aha, immerhin ein Geständnis!

Lüge Nummer zwei schleicht sich keine 10 Minuten später über meine Lippen, als ich mein trödelndes Kind zum Zähneputzen und so weiter antreibe: "Tummel dich, ich komm zu spät!" Blödsinn, ich habe Gleitzeit bis zehn Uhr, aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden, denn sonst kommen wir morgens ja nie außer Haus. Und er käme zu spät in die Schule, was ihm aber völlig egal ist. Und das ist die reine Wahrheit. Umso schwerer wiegt die "Wuchtel", wie man in Wien so schön sagt, weil ich einen dramatischen Unterton à la "Ich verliere noch meinen Job!" und "Wir können unter die Donaubrücke ziehen, wenn das so weitergeht!" in meine Stimme lege. Und, am allerschlimmsten: "Wir werden uns nie, nie wieder Lego Starwars leisten können." Pfui, pfui, dicke fette Lüge!

Auf dem Weg zur Arbeit treffe ich eine Bekannte, und die formelhafte Antwort "Gut!" auf die ebensolche Frage "Wie geht's?" ergibt die 3. Flunkerei des Tages, keine schwerwiegende, würde ich mal sagen. In der Arbeit geht es erst los: "Fesch bist du!" zur Chefin, obwohl das Kleid grauenhaft ist, Nummer 4. "Ja, sicher, das erledige ich liebend gern!" zum Chef, Nummer 5. "Sonst noch Wünsche?", frage ich mich nämlich in Wahrheit. "Danke, das hast du super hingekriegt, du bist der Beste!" zum Kollegen für eine Tätigkeit, obwohl ich denke: "Na endlich, wurde aber auch Zeit, und "Pling!", dreht sich der Lügenzähler auf Nummer 6. Und so geht es munter weiter. Meine Freundin ruft an, ausgerechnet am Montag, wo ich mich vor Arbeit überschlage: "Nöööö, du störst überhaupt nicht!", höre ich mich gerade zum 7. Mal an diesem Tag flunkern. Mein "grader-Michl"-Image schmilzt wie Eis in der Sonne. Wäre ich Pinocchio, hätte mein Zinken schon die Wand durchstoßen. Von wegen moralisch, ich bin ja in Wahrheit ein Lügenschippel, eine Flunkerbaronin allererste Güte! Und nur damit das klar ist: Auch diese Beispiele sind alle erstunken und erlogen, also nicht böse sein, liebe Kollegen, Familie, Freunde. :o)

Zum Glück sagt der US-Psychologe Robert Feldman, dass Lügen der Schmierstoff jeder Kommunikation seien. Das kann ich nur bestätigen, mein Mundwerk geht heute wieder einmal wie frisch geölt. Des Weiteren behauptet Feldman, dass Ehrlichkeit unbeliebt mache. Wieder richtig, und darum geht sich das auch nie aus mit den zwei Lügen pro Tag, außer Sie sind die Person im Office, die keiner leiden kann, weil sie jedem ungefragt ständig die – oder besser gesagt ihre! – Wahrheit auf die Nase binden muss, die in Wahrheit keiner wissen will. Und Lügner sollen laut dem Psychologen auch erfolgreicher sein. Na da muss ich wohl noch ein wenig an meinen Flunkereien feilen. Ob es daran liegt, dass ich nicht auf "200 mal pro Tag" komme? Das wäre mal eine Kampagne, die amüsanter wäre als "5 mal täglich Obst und Gemüse".

Und von wegen, Lügen haben kurze Beine! Dass auch auf frischer Tat ertappte Lügner nicht unbedingt in Ungnade fallen und den Hut nehmen müssen, wissen wir spätestens seit Bill Clinton. Und darum sind die Beine der Lügen, wenn sie welche hätten, lang und sexy wie die von Claudia Schiffer. Meine Damen und Herren, das ist die ganze Wahrheit über die Lüge.



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