Kraut und Rüben

Nein, in Kraut und Rüben erfahren Sie nichts über intensivere Kräuteraromen bei zunehmendem Mond oder Wühlmäuse im Gemüsebeet. Unsere Kolumne hat ganz anderes im Sinn. Die Wecarelife-Redaktion erzählt, was sie aufregt, wer sie rührt und wie man sie amüsiert. Das alles völlig ohne System: wie Kraut und Rüben eben.

 
 
 
 
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16.08.2010 | 11:41 | von Sonja Tautermann |

Werden Sie reich!

Heutzutage ist es doch gar nicht mehr schwer, reich zu werden. Einfach in der Millionenshow mitmachen, beim Lotto gewinnen – oder Keiler … äh … Berater werden! "Beratertätigkeit, freie Zeiteinteilung, kein finanzielles Risiko" wird in Gratiszeitungen und im Internet immer wieder geworben. Viel Geld, arbeiten, wann man will, ohne Risiko? Das klingt doch zu schön, um wahr zu sein.

Dahinter steckt das sogenannte Multi-Level-Marketing, auch Netzwerk- oder Empfehlungs-Marketing genannt. Das Prinzip ist einfach: Ein Bekannter will Ihnen ein Produkt andrehen. Kaufen Sie es, verdient nicht nur er daran, sondern auch derjenige, der Ihren Bekannten angeworben hat und natürlich derjenige, der diesen geworben hat und so fort bis hin zum obersten Chef.

Aufgefallen ist mir das Ganze schon vor ein paar Jahren. Ich war damals Studentin und bekam einen Anruf. Eine Freundin habe mich empfohlen, so der Anrufer, es ginge um einen Job, bei dem man mit Dateneingabe 15 bis 20 Euro pro Stunde verdienen könne. Klar hatte ich Interesse, das klang doch nach einem hübschen Sümmchen als Nebenverdienst. Also ging ich zum Vorstellungsgespräch.

Auf dem Weg dorthin begegnete ich im Bus zufällig einem jungen Mann. Meine an den Busfahrer gerichtete Frage, wo ich denn aussteigen müsse, hatte wohl sein Interesse geweckt. Als ich dem etwa 30-Jährigen die Adresse nannte, erzählte er mir, dass er auch dort arbeiten würde und sang eine Lobeshymne auf den Arbeitgeber. Reich werden, sich alle finanziellen Wünsche erfüllen, an anderen mitverdienen, ohne etwas zu tun – juhu! Blauäugig, wie ich war, kam ich nicht auf die Idee, dass das der Job sein könnte, für den auch ich mich vorstellen sollte. Nein, nein, bei mir ging es ja nur um Dateneingabe.

In der Firma angekommen, kam das Erwachen. Ich war bei einer Vermögensberatung gelandet. Tja, von wegen Dateneingabe. Ich sollte eine Ausbildung zur Vermögensberaterin machen und anfangs mal im Freundeskreis Neukunden akquirieren. Alle Neukunden werden natürlich nur auf Empfehlung kontaktiert, darauf war die Firma ganz stolz! Ich sollte also meinen Freunden weitere Namen abschwatzen und so fort. Mein Vorgesetzter würde dann an allen Abschlüssen mitverdienen. Und ich natürlich auch, wenn ich selbst neue Leute anwerben würde. Auch die Prozente beim Mitschneiden erklärte er mir.

Es war nicht schwer festzustellen, dass man damit vor allem Leute anlockt, die reich werden wollen. Auf Fragen wie "Welche Träume haben Sie, die Sie sich erfüllen möchten?" antwortete ich bewusst schwammig mit "Ich möchte glücklich und zufrieden sein". Trotzdem schaffte ich es durchs "strenge Auswahlverfahren" und habe den Job dankend abgelehnt. Ich hatte keine Lust, mich an meinen Freunden zu bereichern und jedes private Gespräch in ein Verkaufsgespräch zu verwandeln.

Später bin ich dann noch im Kosmetik- und Nahrungsergänzungsmittelbereich in Kontakt mit solchen Beratern gekommen. Und kürzlich hat mich auch die Aloe-Vera-Welle erwischt. Das Prinzip ist das Gleiche: Aloe Vera ist ein Wundermittel gegen alles und man selber kann mit dem Verkauf reich werden. Ich sei bereits eine zukünftige Millionärin.

Es tut mir leid, aber: diese Art des Verkaufs nervt! Ich hab gar keine Lust, Millionärin zu werden. Denn ich sehe meinen Lebenssinn nicht darin, möglichst schnell möglichst viel Kohle zu scheffeln, um dann als großes Ziel nicht mehr arbeiten zu müssen. Abgesehen davon: glauben Sie wirklich, dass man damit reich werden kann? Und vergessen Sie nicht: derjenige, der Sie angeworben hat, wird immer ein bisschen reicher sein als Sie. ;-)

 
 
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