Nordlicht

© Luchterhand
Autorin: Mag. Beatrix Aigner-Köfinger
Aktualisiert am: 14.04.2009
Melitta Breznik: Nordlicht
Anna Berghofer ist am Ende. Als Psychiaterin hat sie sich beruflich verausgabt und auch in ihrem Privatleben ist sie gescheitert. Sie zeigt alle Symptome eines Burn-Out-Syndroms. Statt Hilfe zu suchen, beschließt sie einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zu ziehen. Sie verlässt ihren Mann, kündigt ihre Stelle im Krankenhaus und bricht zu den Lofoten-Inseln im Norden Norwegens auf. Im Gepäck hat sie die Tagebücher ihres Vaters, der einst als Wehrmacht-Soldat in dieser Gegend stationiert gewesen war. Anna begibt sich auf eine Spurensuche nach dem Vater, den sie als unnahbar und lieblos in Erinnerung hat. Die Schuld dafür suchte sie immer auch bei sich. Andererseits möchte sie in der von Dunkelheit geprägten Landschaft das Gefühl der Leere, ihre Halluzinationen und Angstzustände überwinden. Einfache Rituale wie essen, schlafen und gehen sollen das bewirken. Sie meidet jeden Kontakt zur Außenwelt. Als sie wieder die Sehnsucht nach Menschen verspürt, merkt sie, dass ihre Heilung einsetzt.
Schatten der Vergangenheit
Im ersten Teil des Buches steht Anna im Mittelpunkt. Die Erzählung wechselt zwischen Episoden aus der Gegenwart und Vergangenheit. Das erzeugt keine Verwirrung, sondern ein dichtes Netz, das die Erzählung stützt. Im zweiten Teil kommt eine weitere Hauptfigur hinzu, deren Leben ebenso episodenhaft erzählt wird. Es handelt sich um Giske Norman, mit der Anna Bekannschaft schließt. Giske hat als Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten und einer norwegischen Mutter ihre Kindheit in Heimen und bei Adoptiveltern verbracht. Als so genanntes "Deutschenbalg" bezeichnet zeigt sich an ihr, wie in der norwegischen Nachkriegsgesellschaft Beziehungen mit den deutschen Besatzern geahndet wurden. Ihre Mutter trifft sie erst kurz vor deren Tod. Auch Giskes Ehe ist gescheitert. Und so ist Platz für Anna auf Giskes Hof. In ihren Gesprächen, die sich besonders über die belastende Präsenz der Vergangenheit drehen, kommen sich die beiden Frauen näher. Dieser gute Draht zueinander hat auch einen bestimmten Grund.
Melitta Breznik (geb. 1961) ist eine österreichische Psychiaterin, die in der Schweiz praktiziert. Kein Wunder also, dass ihr erster Roman psychologisch tiefgehend und dicht ist. Ihr Schreibstil ist reduziert und ruhig. Er verfehlt aber trotzdem nicht seine Wirkung. Die Geschichte transportiert, wie sich zwei Frauen mit ihrer Vergangenheit beschäftigen müssen, um in der Gegenwart ein sinnerfülltes Leben führen zu können.
Melitta Breznik
Nordlicht
256 Seiten
Luchterhand 2009
ISBN: 978-3-630-87287-2
Preis: 18,50 €
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