Der Airbag fürs Fahrrad

Ein weiser Philosoph hat einmal gesagt: „Die Eitelkeit des Menschen kennt keine Grenzen.“ Eine zeitlose Feststellung, die sich anhand eines einfachen Beispiels verifizieren lässt: Jeder weiß, wie wichtig ein Radhelm bei einem Unfall ist.

Die Hartschale rettet Menschenleben und schützt nachweislich vor schweren Kopfverletzungen. Eine ungemein praktische Erfindung. Wenn man darüber nachdenkt, spricht alles dafür, Schale zu tragen. Doch leider hat der Helm einen Haken: Er macht die Frisur kaputt!

Millionen von Menschen verzichten daher auf den Schutz und stürzen sich Tag für Tag todesmutig mit wehendem Haupthaar in den Verkehr. Viele von ihnen landen mit dem Kopf voraus in den Unfallstatistiken der Welt. Laut Statistik Austria geht fast die Hälfte der tödlichen Radunfälle auf Kopfverletzungen zurück. Trotz solcher Erkenntnisse tragen gerade einmal 28 % aller Radfahrer einen Helm, zeigt eine Untersuchung des ÖAMTC. 

Helmlos durch Hollywood

Das verwegene Image der Helmverweigerer ist schlichtweg attraktiver als jede Statistik. Die Filmindustrie zeigt uns regelmäßig, dass das Fahren ohne Helm zu einem wilden und freien Lebensgefühl führt (Dennis Hopper in „Easy Rider”), außergewöhnliche Liebesabenteuer zur Folge hat (Louise Monot in „Liebe und andere Turbulenzen”) und junge Männer zu Pionieren macht (Gael García Bernal in „Die Reise des jungen Che”). Selbst in dem harmlosen Musikvideo zu „Mein Fahrrad” der Chorknaben „Die Prinzen” wird hemmungslos helmfrei geradelt. Dabei ist die ästhetische Abneigung gegenüber Radhelmen rein gesellschaftlicher Konsens. Eine Idee, die dem Zeitgeist unterliegt. 

 

 

Vom Außenseiter zum Massenphänomen

Der spektakuläre Siegeszug des Skihelms zeigt, wie schnell sich dieser Konsens ändern kann. Wer vor zehn Jahren einen Helm trug, wurde vielfach mit Skepsis beäugt. Entweder musste er ein Raser sein oder ein Amateur. Im schlechtesten Fall war er beides – ein Amateur-Raser. Wer ihm begegnete, hielt gebührenden Abstand oder klopfte ihm zu Mittag auf der Hütte mit einem „Servus Helmie” spöttelnd auf die Plastikhaube. 

Einige pressewirksame Skiunfälle später hat sich das Bild komplett gewandelt. Trägt jemand heute keinen Helm, gilt er schnell einmal als „lebensmüde“ oder „Kamikaze“. Inzwischen ist der Skihelm zum modischen Accessoire avanciert, das in zahllosen Design-Varianten feilgeboten wird. Helme mit Lederbezug. Helme mit Astronautenvisier. Helme mit Graffiti-Optik und Helme in Neonfarben. Kein Zweifel: Der Skihelm ist salonfähig geworden. 

Helmverweigerern geht es an den Kragen

Anders als der Skihelm hat der Fahrradhelm bis zur Akzeptanz in der Masse noch einen weiten Weg vor sich. Er fristet weiter ein Schattendasein. Wenn sich also der Konsens nicht ändert, muss sich vielleicht der Helm ändern. Genau das versucht die Hövding Sveriga AD aus Malmö. Sieben Jahre Entwicklungsarbeit sind in ihren Airbag fürs Fahrrad geflossen.

Der sogenannte „Hövding” hat optisch wenig mit einem herkömmlichen Helm gemein. Das ca. 635 Gramm leichte Teil schaut aus wie eine Nylon-Kapuze, die man sich um den Hals legt. Auf der Vorderseite befindet sich ein Reißverschluss, der bis zum Kinn geschlossen wird. Die Frisur bleibt erhalten, das Image des Radlers bleibt makellos.

Kommt es zum Unfall, wird der integrierte Kaltgasgenerator ausgelöst und pumpt den Designer-Kragen blitzschnell zu einem Airbag auf, der sich sofort schützend um Kopf und Nacken legt. Wie das aussieht, kann man in zahlreichen Youtube-Videos bestaunen. Die Technologie schützt laut einer schwedischen Studie dreimal so gut wie ein herkömmlicher Radhelm.

Doch wie erkennt der Helm einen Unfall und schießt nicht einfach los, wenn man ruckartig den Kopf dreht, um einen anderen Radler zu grüßen? Dafür sind Sensoren integriert, welche die Beschleunigung und Kreisbewegungen des Fahrers messen. Ein ausgeklügelter Algorithmus gleicht die Informationen mit einer Datenbank aus tausenden Unfällen und Normalfahrten ab und erkennt so, ob der Airbag ausgelöst werden muss. 

Der Preis für die außergewöhnliche Erfindung liegt bei rund 300 EUR. Umgerechnet entspricht das etwa fünf Damenhaarschnitten. Ein stolzer Preis im Vergleich zum herkömmlichen Radhelm. Doch die Vorteile liegen auf der Hand – oder besser gesagt: um den Hals. Solange der Kopf also noch beulenfrei ist, lohnt sich die Überlegung, diese Investition zu tätigen. Ist der Airbag einmal ausgelöst, muss man ihn ersetzen. Der Hersteller bietet dafür einen Rabatt beim erneuten Kauf. Ansonsten heißt es einfach: Eitelkeit runterschlucken und einen herkömmlichen Radhelm tragen. Und die gibt es schließlich auch schon in vielen Farben und Formen. 

 

Quellen:

Hövding

ÖAMTC

Statistik Austria

Florian Weiss testet den Fahrrad-Airbag