Jetzt geht’s der Schreibschrift an den Kragen

Vom ersten Buchstaben zum Satz – das Erlernen der Schrift

Viele können sich noch gut an die Zeit in der Volkschule erinnern: das Lernen der ersten Buchstaben, das Schreiben der ersten Sätze und wie stolz man darauf war, fast fehlerlose Diktate mit nach Hause zu bringen. Bald darauf folgten die Stunden des mühsamen Schreiben- beziehungsweise Lateinschrift-Lernens. Das Fach „Schönschreiben“ und die schnörkelige Schönschrift wurden bereits 1963 abgeschafft. Heute lernt man eine vereinfachte Form, bei der nicht jeder Buchstabe im Wort miteinander verbunden werden muss.

Die Euphorie war groß, wenn man mit einer wohlgeformten Schrift gesegnet war und die Lehrer die gut leserlichen Schulaufgaben lobten. Mit viel Liebe zum Detail kreierte man Zierzeilen unter vollendete Aufgaben und versuchte Eltern und Klassenvorständen mit seinem Fleiß zu imponieren. All jene, denen das Schreiben schwerfiel, ärgerten sich darüber, wie sehr manche auf solche Kleinigkeiten Wert legen konnten.

Vor allem die Jungs konnten in diesem Punkt nicht mit den Mädchen mithalten. Untersuchungen ergaben, dass rund 30 Prozent der Jungen große Probleme beim Erlernen der Schreibschrift haben – bei den Mädchen hingegen sind es nur 15 Prozent. 

Stirbt die Schreibschrift aus?

Heutzutage wird fast nichts mehr in Schreibschrift geschrieben – Smartphone, Tablet und PC haben in fast jedem Bereich Abhilfe geschaffen. Ob Einkaufsliste, Kalender, To-do-Liste oder Notizen – für alles gibt es eine App, mit der man schnell, ordentlich und vor allem unkompliziert agieren kann. Der Stift kommt oftmals nur noch bei Unterschriften oder in Form eines Leuchtmarkers zum Einsatz. Und werden Geburtstagsbillets überhaupt noch per Hand geschrieben? 

Bei dem Thema, wie nützlich das Erlernen der Schreibschrift ist, gehen die Expertenmeinungen stark auseinander. Die einen sind davon überzeugt, dass sie die feinmotorischen Fähigkeiten stärkt und für eine gute Entwicklung notwendig ist, die anderen empfinden sie als nicht zeitgemäß und unnötig aufwendig. Laut Bildungsministerium will man die Schreibschrift in Österreich demnächst auf keinen Fall abschaffen; eine weitere Modernisierung der Schulschrift von 1995 steht ebenfalls nicht zur Debatte.

Die derzeit gelehrte Schulschrift wurde von Psychologen, Wissenschaftlern und Praktikern als Vorbild erstellt. Dafür setzt man heute stärker auf eine leserliche, flüssige Handschrift und weniger auf die Schönheit des Schriftbildes.

Finnland im Kampf gegen die Schreibschrift

Der unumstrittene PISA-Studien-Sieger Finnland will die Schreibschrift seit 2016 abschaffen und ihr Erlernen soll aus dem Lehrplan gestrichen werden. Das Argument ist, dass das flüssige Tippen auf der Tastatur eine wichtige Fähigkeit sei und man diese von Beginn an fördern solle, so Minna Harmanen vom finnischen Bildungsministerium. Sie ist dafür zuständig, die Richtlinien zum Schreibenlernen zu reformieren.

Den Lehrern sei freigestellt, ob sie weiterhin die Schreibschrift vermitteln wollten oder nicht, dies jedoch nur zusätzlich zum Tastaturschreiben. Ähnliche Systeme gibt es so auch schon in den USA und in der Schweiz. Deutsche Bildungsexperten üben an Finnlands Entscheidung heftige Kritik – „Bessere Lesbarkeit, die nur technisch erzeugt wird, taugt nicht als Lernziel in der Schule“, ist Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), überzeugt. 

Christian Marquardt vom bayerischen Schreibmotorik Institut sind die Probleme mit der Schreibschrift nicht neu. Als man die Schwierigkeiten mit der lateinischen Ausgangsschrift in den Achtzigerjahren als motorisch zu kompliziert beurteilte, wurde an deutschen Schulen auf die „vereinfachte Ausgangsschrift“ umgestellt. 

Wirtschaftliche Auswirkungen

Je nachdem, in welche Richtung sich der Lehrplan bezüglich der Schreibschrift entwickelt, lassen sich Vor- und Nachteile für verschiedene Wirtschaftsbereiche erkennen. In den Siebzigerjahren profitierte der Schreibwarenhersteller Pelikan von der neuen Schriftreform und prägte fast jede Kinderhand.

Sollte sich das Tastaturschreiben nun vermehrt im Klassenzimmer etablieren, wirkt sich das natürlich positiv auf IT-Unternehmen aus; Konkurrenten wie Stabilo erkennen diese Gefahr und machen wieder vermehrt auf die Bedeutung und den kulturellen Mehrwert der Handschrift aufmerksam. Sie verweisen auf das deutsche Schreibmotorik Institut und auf eine Studie der Princeton University, in welcher auf die „entscheidende Rolle“ der Schreibschrift für das Lernen hingewiesen wird. 

Laut Daniel Spielmann spiele es keine so große Rolle, ob per Tastatur oder per Hand geschrieben werde. Wichtig ist in seinen Augen, dass man überhaupt schreibe und über das geschriebene Wort reflektierte Vor allem für das Lernen und dafür, sich und die Welt zu entdecken, sei dies von größter Bedeutung.